Stimme

Effektives Stimm- und Sprechtraining für den pädagogischen Berufsalltag

Hinweis: Auszug aus dem neuen Buch von Anja Mannhard "Das hört sich gut an! Stimm- und Sprechtraining für pädagogische Fachkräfte in Kita und Schule. Cornelsen Scriptor, Berlin (erscheint Frühjahr 2011)

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Sprechberufler sind Sportler- Sprechsportler. Erzieher(innen) und Lehrer(innen) belasten ihre Stimme im Schnitt 6 Zeitstunden pro Tag non Stopp. Sportler starten auch nicht aus dem Kaltstart, um eine gute sportliche Leistung zu vollbringen. Leider tun dies Sprechberufler allzu oft. Die Stimmlippen („Stimmbänder“) bestehen neben Schleimhaut aus Muskelgewebe, das mittels Warming up- Übungen gelockert und „aufgewärmt“ werden kann, um eine bessere und ökonomischere Stimmleistung zu vollbringen und die Stimme nicht überzustrapazieren. Sind Sprechberufler Naturtalente und haben von sich aus eine stark belastbare, resonanzreiche Stimme, stellt ein Sprechen ohne Stimmtraining oftmals kein Problem dar. Jedoch bemerken viele pädagogische Fachkräfte, dass ihre Stimme immer wieder den Belastungen des Berufsalltags nicht genügt, dass sie phasenweise brüchig, belegt oder nicht so kräftig und resonanzreich ist, wie sie es sich wünschen würden. Hier kann ein gezieltes und regelmäßiges Stimmtraining helfen. Bei regelmäßiger Übung werden Sie deutliche Fortschritte in der Tragfähigkeit und Kraft Ihrer Stimme wahrnehmen.

Die hier dargestellten Übungen werden optimalerweise 1-3x pro Woche durchgeführt, je nach Sprechanforderungen in der Woche. Für das Einstimmen direkt vor einer Sprechleistung wie längere Unterrichtspräsentationen, Referate oder Elternabende ist die Kurzversion besonders geeignet.

Stimmtraining Kurzversion (ca. 10 Min.)
Warming- up für den gesamten Körper


  • Lockere Standhaltung
Stehen Sie aufrecht mit parallel gestellten Füßen in Beckenbreite auf dem Boden. Spüren Sie den Schwerpunkt in der Fußmitte und die intensive Verbindung mit dem Boden. Ihre Knie sind beweglich und durchlässig, nicht durchgedrückt. Spüren Sie Ihr gelöstes und lockeres Gesäß und den Beckenboden. Auch Ihre Bauchdecke ist gelöst, spüren Sie den Atem im Bauchraum. Ihr Atem fließt frei. Lockern Sie Ihre Schultern und lassen Sie diese und Ihre Arme locker wie ein Jackett auf einem Kleiderbügel hängen. Richten Sie Ihr Brustbein auf. Der Kiefer ist gelöst und entspannt, die Zahnreihen haben entweder keinen Kontakt oder liegen locker aufeinander, die Lippen liegen entspannt aufeinander oder sind leicht geöffnet. Ihre Zunge liegt locker im Mundboden oder ist an den oberen Gaumen angelegt. Von Ihrem Haarscheitel zieht ein imaginärer Faden wie bei einer Marionette nach oben, sodass Sie nochmals etwas mehr aufgerichtet werden und sich Ihr Kinn leicht senkt. Entspannen Sie Ihr Gesicht, besonders die Stirn.

Dies ist die Ausgangsposition für alle folgenden Übungen.

  • Tönende Gummipuppe
Beginnen Sie nun, locker von den Füßen ausgehend nach oben Ihren Körper auszuschütteln, erst sanft, dann kräftiger. Lassen Sie wie bei einer Gummipuppe alle Glieder zappeln und schütteln. Lassen Sie dabei Töne entstehen und mit vibrieren.

  • Ökonomische Atemphrasierung
Gehen Sie nun locker und leicht federnd auf der Stelle und ziehen Sie die Knie dabei an. Ihre Schultern und Arme hängen dabei locker. Ziehen Sie nun mit dem Einatmen das rechte Knie an und stellen den Fuß mit dem Ausatmen wieder langsam auf den Boden. Wiederholen Sie die Übung 1x. Dann wechseln Sie die Seite, ziehen das linke Knie mit dem Einatmen an und stellen den Fuß mit dem Ausatmen wieder langsam auf den Boden. Wiederholen Sie die Übung 1x. Heben Sie nun den rechten Arm nach oben mit dem Einatmen an und führen ihn mit dem Ausatmen auf /s/ wieder nach unten in die Ausgangsposition zurück. Wiederholen Sie die Übung 1x. Dann führen Sie die Übung 2x hintereinander langsam mit der linken Seite durch. Nun führen Sie die Übung 2x hintereinander langsam mit beiden Armen gleichzeitig durch.

  • Seufzen mit Schwung
Schwingen Sie nun mit lockeren Knien Ihre Arme parallel neben dem Körper vor und zurück. Gehen Sie bei den Schwüngen leicht federnd in die Knie. Verbinden Sie das Schwingen mit Seufzern, als wenn Sie sich mit einem Seufzer nach einem anstrengenden Arbeitstag auf ein bequemes Sofa fallen lassen würden. Führen Sie die Übung 1-2 Min. durch.

Warming- up für den Mundbereich, den Kehlkopf und die Stimme

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  • Summen und Kauen mit Resonanz
Öffnen Sie Ihren Mund mehrfach hintereinander ganz weit und schließen ihn wieder. Formen Sie Ihre Lippen, als wenn Sie eine Kerze auspusten würden und nehmen dabei Ihren Ein- und Ausatem wahr. Streichen Sie Ihren Kiefer mehrfach mit den Handballen nach unten aus, lassen Sie ihn locker hängen. Kauen Sie weich und genüsslich, summen Sie dabei. Erweitern Sie nun langsam den Raum in der Mundhöhle, sodass sich Ihre Lippen langsam öffnen und ein Ton entsteht (dieser hört sich wie eine Mischung aus /o/ und /a/ an). Lassen Sie den Ton in verschiedenen Höhen auf- und abschwellen.

  • Glissando für Höhe und Tiefe
Pusten Sie locker und lassen dabei die Lippen flattern, erst sanft, dann immer stärker. Lassen Sie Ihre Stimme dazu summen. Dann führen Sie den Ton nach oben und wieder nach unten. Legen Sie dazu Daumen und Zeigefinger einer Hand aufeinander und „ziehen“ den Ton imaginär aus Ihrem Mund nach oben und nach unten. Modellieren Sie den Ton mehrfach in die Höhe und Tiefe, legen Sie dazwischen Pausen ein.

Stimmjogging

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  • Abspannen auf Einsilber
Betonen Sie hierbei besonders den letzten Plosivlaut (p, t, k) und das Abspannen (reflektorische Einatemergänzung) erfolgt von selbst.

hop   hap    hep   hipp   hup
hot   hat   het   hit   hut
hok   hak   hek   hik   huk
flop...flap   flep   flip  flup
flot   flat   flet   flit   flut
flok   flak   flek   flik   fluk

  • Abspannen mit Vokale tönen auf kurzer Satzebene
Betonen Sie hierbei besonders den Vokal durch leichte Dehnung und den letzten Konsonant der Worte.
Obst und Bord
dort und Ort
Post und Kost
Most und Prost
Moll und toll
dumm und krumm
Schlamm und Damm
nimm und bring
schlau und schleich
weich und seicht
euch und feucht

Bei den nun folgenden Versen beachten Sie bitte die Pausensetzung beim Zeichen / und betonen Sie vor allem die Vokale. Öffnen Sie den Kiefer bei den Vokalen entsprechend weit, sodass der Klang der Stimme sich entfalten kann.

  • Vers Stufe 1
Oho Holla Ho /
Holla Hopp im Galopp /
Ist doch locker, ist doch leicht /
Ganz leicht und gelöst /
Nach hinten und vorn /
Ja das ist enorm /
Ja wir sind in Form! /
Ja das tut gut /
Und macht Mut!

  • Verse Stufe 2
War einmal ein Bumerang, war eine weniges zu lang /
Bumerang flog ein Stück, kam nie mehr zurück. /
Publikum, stundenlang, /
wartete auf Bumerang!
(Ringelnatz)

War einmal ein Lattenzaun / mit Zwischenraum hindurch zu schaun. /
Ein Architekt der dieses sah / stand eines Abends plötzlich da, /
und nahm den Zwischenraum heraus / und baute sich ein großes Haus. /
Der Zaun indessen stand ganz dumm / mit Latten ohne was herum. /
Ein Anblick, grässlich und gemein, / drum zog ihn der Senat auch ein. /
Der Architekt jedoch entfloh, / nach Afri- od Ameriko.
(Morgenstern)

„Sprechen transportiert nicht nur den Inhalt der Worte. Die Qualität der Stimme als Ausdrucks- und Informationsinstrument im sozialen Miteinander ist von höchster Bedeutung.“ (Mannhard 2003, 400)

Literaturtipps:

Brügge & Mohs (2009, 6. Aufl.) Therapie funktioneller Stimmstörungen. Übungssammlung zu Körper, Atem, Stimme. Ernst Reinhardt, München
Buchs- Quante, U. (2002) Voice Power. Erfolg durch die Stimme. Asanger, Heidelberg, Köning
Flume, P. (2003) Taschenguide Redentrainer. Mit CD- ROM. Rudolf Haufe, Planegg
Gante, K. (2002) Ein starker Auftritt. Schnelle Selbsthilfe für Frauen, die überzeugen wollen. Mit CD. Heinrich Hugendubel, Kreuzlingen
Gutzeit, S. (2002) Die Stimme wirkungsvoll einsetzen. Das Stimm- Potenzial erfolgreich nutzen. Mit Audio- CD. Beltz, Weinheim
Hamann, C. (2001) Übungsprogramm für eine gesunde Stimme. Ernst Reinhardt, München
Hermann- Röttgen, M. & Miethe, E. (1990) Stimmtherapeutisches Programm. Basisübungen für die belastete oder geschädigte Stimme. Thieme, Stuttgart
Kia, R. A. (1997, 4. Aufl.) Stimme- Spiegel meines Selbst. Ein Übungsbuch. Aurum, Braunschweig
Kutscher, P. (2009) stimmtraining- und plötzlich hört dir jeder zu. 24 Übungen auf CD. Jokers edition, Augsburg
Lauten, A. (2008) Stimmtraining live. Rudolf Haufe, Planegg
Loschky, E. (2005) Gut klingen- gut ankommen. Effektives Stimmtraining mit der Loschky- Methode. Kösel, München
Mannhard, A. (2003) Gut bei Stimme? Stimmstörungen bei Sprechberuflern. In Psychologie in Erziehung und Unterricht, 2003, 50, 400- 408. Ernst Reinhardt, München www.anjalingua.de
Schürmann, U. (2007) Mit Sprechen bewegen. Stimme und Ausstrahlung verbessern mit atemrhythmisch angepasster Phonation. Ernst Reinhardt, München
Tiemann, H.-P. (2009) Heinz Erhard erleben. Ein hinreißendes Deutschprojekt für 8- 14- Jährige. Kohl, Kerpen