
Grafik verwendet mit frdl. Genehmigung der Stotterer - Selbsthilfe Berlin e.V.
Viele Kollegen und Kolleginnen sehen die Art und Weise der Darstellung von Stottertherapien durch Logopäden von Frau Schütz in der ZDF Sendung 37Grad äußerst kritisch, wie eine Reihe von Mails an mich und an den dbl aufgrund meines Leserbriefs in Forum Logopädie zeigte. Pressesprecherin Frau Feit des dbl tat den Stottertherapeuten unter den Logopäden ebenfalls keinen guten Dienst- mit ihrer unfachlichen Stellungnahme zum Leserbrief und dem Versuch, die unseriöse Darstellung von Stottertherapien und mangelnde realistische Aufklärung für Betroffene im Fernsehen zu rechtfertigen. Werbung für Logopädie um jeden Preis?!
Erfreulich die ebenfalls kritische Stellungnahme eines von Stottern Betroffenen nach einer Vielzahl von Therapieerfahrungen- reflektiert, realistisch und frei von jeglicher Schönrederei zeigt dieser qualifiziert umfassende und humanistische Wege der Therapie auf:
Leserbrief von Thilo Müller, veröffentlicht in “DER KIESELSTEIN” Mai 2010, Mitgliedermagazin der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe e.V. (BVSS).
Stottern in den Medien
Regensburg, den 20.02.2010
Sehr geehrte Damen und Herren,
am 12.01.2010 wurde in der Sendung 37° Ihr Beitrag »Vom Glück zu sprechen« ausgestrahlt. Da ich diesen mit großem Interesse verfolgt, und mich darüber hinaus als Betroffener sehr intensiv mit dem Phänomen Stottern auseinandergesetzt habe, möchte ich auf diesem Wege gerne ein paar Worte an Sie richten.
Stottern ist eine äußerst komplexe Störung des Redeflusses, die auf vielfältige Weise großen Einfluss auf das alltägliche Leben und die Entwicklung der Betroffenen nimmt, z.B. auf kognitiver, emotionaler, linguistischer oder sozialer Ebene. In Ihrem Produktionsbericht auf zdf.de schreiben Sie:
»Die drei Protagonisten lehrten uns (…) zu erfahren, dass Stottern viel mehr ist, als »nur« Probleme beim Sprechen zu haben.« So verwundert es mich doch sehr, dass Sie sich trotz dieser eindrücklichen (und absolut richtigen!) Erkenntnis dazu entschieden haben, eine Art »Werbefilm« für Frau Schütz zu produzieren. Der im Beitrag vorgestellte Therapieansatz kann den Ansprüchen moderner und seriöser Stottertherapie in vielerlei Hinsicht nicht genügen, was unter anderem anhand folgender Tatsachen deutlich wird:
Zum einen ähnelt das Konzept doch sehr den in der Fachwelt höchst umstrittenen Ansätzen von Del-Ferro und Greifenhofer, die die Ursache des Stotterns in einer Koordinationsstörung der Atmungsmuskulatur bzw. in einer Fehlbewegung des Zwerchfells sehen. In Ihrem Beitrag heißt es hierzu:
»(…) deshalb lernt Vinzenz [in der Therapie von Fr. Schütz], mit seinem Zwerchfell zu atmen. So kann er sein altes Sprechmuster durchbrechen.«
Diese Auffassung wird von Del Ferro und Co. bereits seit den 1980er Jahren vertreten, allerdings sind diese Methoden sowie deren Ursachenphilosophie bis heute nicht von der Fachwelt anerkannt, sondern ganz im Gegenteil, massiv kritisiert worden. Zum anderen wird die Therapiemethode von Fr. Schütz der oben beschriebenen Komplexität des Stotterns – und hier im Besonderen der emotionalen Komponente – in keinster Weise gerecht.
Stottern ist oft ein über Jahre hinweg ungewollt eintrainiertes Sprech- und Verhaltensmuster, das sich nicht in ein paar Wochen »Techniksprechen« durchbrechen oder bezwingen lässt. Die Bewältigung des Stotterns (und ich spreche hier ausdrücklich nicht von Heilung) ist vielmehr ein jahrelanger Prozess, der sich u.a. deshalb nicht nur auf das Anwenden von Sprech- und/oder Atemtechniken beschränken lässt, weil das eigentliche Problem des Stotterns oftmals viel tiefer liegt. Lassen Sie mich dies an einem Beispiel verdeutlichen:
Stellen Sie sich vor, Sie möchten einen rostigen Eisenzaun wieder neu herrichten. Wenn man einfach einen Eimer Farbe nimmt, um den Zaun zu überstreichen, dann wird der Rost unter der Farbe weiterblühen und diese früher oder später zum Abplatzen bringen. Mit einer derartigen Vorgehensweise wird man also – langfristig gesehen – keinen Erfolg haben. Sinnvoller wäre es hingegen, sich zuerst um den Rost zu kümmern und diesen zu entfernen, bevor man eine neue Schicht Farbe aufträgt. Dieses Beispiel lässt sich 1:1 auf Frau Schütz und ihre Methode übertragen: Das Stottern wird lediglich mit einer alltagsuntauglichen, weil auffälligen »Sprechtechnik«, die noch dazu auf einer äußerst fragwürdigen Ursachenhypothese beruht, übertüncht. Dies wird zwar in den meisten Fällen trotzdem zu einer Verbesserung der Primärsymptomatik führen. Am Großteil der Sekundärsymptomatik jedoch, die das Hauptproblem für die Mehrzahl der Betroffenen darstellt, wird eine solche Therapiekonzeption aber nichts ändern:
Die Angst- und Schamgefühle oder die negative Einstellung dem Stottern gegenüber blühen weiter vor sich hin, bis die alten Verhaltens- und Kognitionsmuster zwangsläufig wieder die Oberhand über die erlernten Sprech- und Atemtechniken erlangen. Irgendwann wird also ein Punkt erreicht, an dem die Techniken nicht mehr greifen und das Stottern wieder zum Vorschein kommt. Wenn der Stotternde dann nicht gelernt hat, in derartigen Situationen anders, als mit den alteingesessenen Mustern zu reagieren, wird er jegliches Vertrauen in seine Techniken verlieren und seinem verhassten Stottern trotz den geleisteten Anstrengungen in der Therapie abermals hilflos gegenüberstehen. Sprich: der Zaun sieht wieder so aus wie vorher.
Wie fatal dieser Prozess ist, und welche weitreichenden Folgen sich für den Betroffenen daraus ergeben, können Sie sich sicher denken. Dass durch fragwürdige Stottertherapien dennoch eine (meist kurzfristige) Besserung des Redeflusses oder gar ein zwischenzeitliches Verschwinden der Symptomatik erreicht wird, ist ein weit verbreitetes und der Fachwelt durchaus bekanntes Phänomen.
In den allermeisten Fällen ist dies jedoch der Tatsache geschuldet, dass die Betroffenen große Hoffnungen in die Therapie setzen und sich über einen gewissen Zeitraum äußerst intensiv mit sich und der eigenen Problematik auseinander setzen können, ohne durch alltägliche Probleme abgelenkt zu werden.
Das normale Alltagsleben nach der Therapie erschwert allerdings eine derart intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen Stottern, weshalb sich diese sog. »Spontanflüssigkeit« nach einer gewissen Zeit wieder verliert. Dies kann, abhängig vom Patienten und den Anforderungen, mit denen er im Alltag konfrontiert wird, schon nach wenigen Tagen, aber auch erst nach Monaten oder gar Jahren geschehen. Dieses Phänomen und der Mangel an Langzeitstudien sind u.a. die Gründe dafür, warum sich auch unseriöse Therapiekonzepte so hartnäckig in der Therapielandschaft halten können. Anhand dieser Tatsachen wird vielleicht deutlich, dass das Beispiel Johanna (der ich von ganzem Herzen alles Gute für die Zukunft wünsche) kein aussagekräftiger Beweis für den angeblichen Erfolg der Schütz’schen Methode sein kann, da ein derartiges Ergebnis acht Wochen nach Therapieende keineswegs außergewöhnlich ist. Zudem spricht Johanna im Film zwar absolut flüssig, aber völlig spontan und ohne jegliche Technik. Eine bewusste Kontrolle über das Stottern ist bei spontanem Sprechen jedoch nicht gegeben, und so kann die erworbene Sprechflüssigkeit auf Dauer nicht aufrecht erhalten werden. Es ist nachvollziehbar, dass ein derartiges Resultat sehr beeindruckend auf einen Außenstehenden wirkt, der sich gar nicht, oder nur oberflächlich mit der Materie beschäftigt. Aber genau hier liegt doch das Problem: Sie haben nicht tief genug gegraben. Was in der Stottertherapie nämlich wirklich zählt, ist der Langzeiterfolg. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen, und hieran scheitern die allermeisten Therapeuten mit ihren Konzepten kläglich. Die Entwicklung einer Therapiemethode, die der Komplexität des Stotterns auch gerecht wird, erfordert u.a. ein hohes Maß an Fachwissen und Kompetenz. Viele Therapeuten erfüllen diese Voraussetzungen jedoch nicht und wählen daher den leichten Weg. Sie setzen sich nicht mit anspruchsvollen
Methoden oder Fachliteratur auseinander, sondern beschränken sich auf mehr oder weniger sinnvolle Atem- und Sprechtechniken, die ja in vielen Fällen auch kurzfristig helfen. Aber ist es nicht naheliegend, dass eine Therapiekonzeption à la Schütz, bei der u.a. empirisch nicht belegte Annahmen über die Ursache des Stotterns den Ausgangspunkt für die therapeutische Intervention darstellen, auf lange Sicht zum Scheitern verurteilt ist?
Eines steht doch außer Frage: Wären Konzepte wie dieses tatsächlich so erfolgreich wie im Film dargestellt, sie wären doch längst durch wissenschaftliche Studien untermauert, und/ oder von der Fachwelt anerkannt worden. Schließlich gibt es in Deutschland durchaus diverse Therapieansätze, die sich ernsthaft mit der Problematik des Stotterns auseinandersetzen und deren Wirksamkeit bzw. Langzeiterfolg auch empirisch belegt ist.
Vor diesem Hintergrund ist mir schleierhaft, warum gerade den »schwarzen Schafen« der Branche so häufig eine öffentlichkeitswirksame Plattform zur Verfügung gestellt wird, auf der sie Ihre unseriösen Methoden mit Hilfe von angeblich ’geheilten’ Patienten zur Schau stellen können. Ich selbst stottere seit mehr als 20 Jahren und habe in dieser Zeit viele unterschiedliche Therapiekonzepte durchlaufen. Unter anderem durch Fernsehberichte wie diesen bin auch ich in der Vergangenheit oft an Therapeuten geraten, die mit Ihren hochgelobten Therapiekonzepten und vollmundigen Versprechungen große Hoffnungen geweckt hatten – der Erfolg blieb allerdings stets aus. Vor einiger Zeit jedoch hatte ich das Glück, eine Therapie zu durchlaufen, dank der ich nun weitgehend flüssig, vor allem aber angstfrei und selbstbewusst durchs Leben gehen kann. Durch meine persönlichen Vorerfahrungen und aufgrund des Fachwissens, welches ich mir in meinem Sprachtherapiestudium angeeignet habe, kann ich mir also ein sehr umfassendes Bild von Ihrem Beitrag und dessen Inhalt machen. Meiner Ansicht nach haben Sie sich nicht ausführlich und kritisch genug mit der Thematik auseinandergesetzt. Die Aussage »Sabine Schütz bekommt nach eigenen Angaben rund 80 % ihrer Patienten dazu, auf Dauer nicht mehr zu stottern«
macht dies besonders deutlich, denn eine solche Behauptung ist ohne Beleg durch empirische Studien nicht nur gänzlich wertlos, sie weckt bei Betroffenen und Angehörigen auch noch falsche Hoffnungen.
Vor allem die Tatsache, dass Stottern zu den Störungsbildern mit der höchsten Rückfallquote zählt, stellt für die Stottertherapie im Allgemeinen ein großes und nur schwer überwindbares Problem dar. Dass Frau Schütz ihren Patienten allein durch das Vermitteln von Sprechtechniken und Durchhalteparolen via Webcam (»Ich will das schaffen mit Dir, und Du?«) zu dauerhaft flüssigem Sprechen verhilft, ist schlichtweg unrealistisch. Überhaupt wurden zahlreiche wichtige Aspekte des Stotterns und der Stottertherapie, wie z.B. Vermeideverhalten oder Identifikation, mit keinem Wort erwähnt. Vieles von dem, was ich Ihnen auf diesen Seiten geschildert habe, zählt heutzutage zu den Grundlagen im Bereich Stottertherapie und kann in der einschlägigen Fachliteratur nachgelesen, oder aber von anerkannten Fachleuten erfragt werden. Dass Sie bei Ihrer Recherche nicht selbst darauf gestoßen sind, und die Aussagen von Frau Schütz so unbekümmert hinnehmen, ist gleichermaßen unverständlich wie unverantwortlich. Eine solch eindimensionale Berichterstattung nützt hilfesuchenden Stotternden nicht im Geringsten, und so ist Ihr Beitrag nur einer von vielen, der sein Potential zur Aufklärung verschenkt, weil er sich auf die undifferenzierte Darstellung einer einzelnen (und noch dazu unseriösen) Therapiemethode beschränkt.
Mit freundlichen Grüßen
Thilo Müller
28 Der Kieselstein 5/2010

Grafik verwendet mit frdl. Genehmigung des Landesverband Stotterer-Selbsthilfe Bayern e.V.
